Einigung auf Freihandelszone

Wirtschaft erwartet Schwung für Welthandel

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Container im Hafen von Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires. Foto: Andres Perez Moreno

Bewegung an zwei Fronten im Welthandel: Zieht jetzt die Konjunktur wieder an? Wirtschaft und Ökonomen sehen Chancen - aber auch Risiken für deutsche Unternehmen.

Berlin (dpa) - Die Einigung auf die weltgrößte Freihandelszone und die Annäherung im Handelskonflikt der USA und China könnten dem Welthandel neuen Schwung verleihen - für die deutsche Wirtschaft aber auch Risiken bergen. Vor allem Ökonomen zeigten sich skeptisch.

Die Gesprächen zwischen den USA und China bedeuteten noch längst keine Entwarnung oder kurzfristige Konjunkturerholung, betonten DIW-Chef Marcel Fratzscher und Ifo-Präsident Clemens Fuest. Mehr erwartet die deutsche Wirtschaft vom Freihandelsabkommen der EU mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten.

"Das ist für die deutschen Unternehmen eine überaus positive Nachricht in einem ansonsten eher trüben weltwirtschaftlichen Umfeld", erklärte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Noch euphorischer äußerte sich der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Holger Bingmann: "Wir sind überglücklich, dass dieses historische Abkommen nach äußert langen und zähen Verhandlungen nun zu einem erfolgreichen Abschluss kommt." Vor allem die Autobranche setzt große Hoffnungen in Südamerika.

Die Verhandlungen zwischen der EU und den Mercosur-Ländern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay waren am Freitagabend nach fast 20 Jahren abgeschlossen worden. Über das Abkommen sollen Zölle und andere Handelshemmnisse abgebaut werden, um den Warenaustausch zu stärken und Unternehmen Kosteneinsparungen in Milliardenhöhe zu bringen. Der Staatenbund Mercosur (Mercado Común del Sur - Gemeinsamer Markt des Südens) ist mit einer Bevölkerung von mehr als 260 Millionen Menschen einer der großen Wirtschaftsräume der Welt. Die EU kommt sogar auf mehr als 512 Millionen Einwohner.

Schweitzer erwartet nun einen besseren Marktzugang für Maschinenbauer, Automobilhersteller und die Ernährungsindustrie. Auch der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer VDMA erwartet, dass sich für seine Unternehmen ein großer und interessanter Wirtschaftsraum öffnet - genau wie für die Autobranche.

Dafür müssten aber Zölle und andere Handelshemmnisse nachhaltig abgebaut werden, forderte der Verband der Automobilindustrie (VDA). "Für Mercosur ist das Abkommen der EU das erste mit einem bedeutenden Automobilproduzenten, daher bietet es für die EU und Deutschland gute Chancen", sagte Verbandspräsident Bernhard Mattes. Vor allem der brasilianische Automarkt wächst. Derzeit fallen auf Autoimporte laut VDA in Brasilien und Argentinien aber Außenzölle von 35 Prozent an - daher habe es bisher nur wenige Exporte aus Europa gegeben.

Auch der Ökonom Fuest sprach von erheblichen neuen Wachstumspotenzialen. Fratzscher dagegen zeigte sich skeptischer: Das Abkommen habe eine hohe Symbolkraft, sei wirtschaftlich aber nur von begrenzter Bedeutung für Europa. Es werde nicht wirklich zu freiem Handel führen, da die EU viele Teile der Landwirtschaft vor Wettbewerb aus Südamerika schützen werde.

Der Deutsche Bauernverband fürchtet trotzdem um die Zukunft vieler deutscher Familienbetriebe. Ungleiche Anforderungen bei Umwelt- und Klimaschutz, beim Antibiotikaeinsatz und beim Pflanzenschutz würden zu einer dramatischen Wettbewerbsverzerrung insbesondere bei Rindfleisch, Geflügel und Zucker führen. "Die Landwirtschaft darf nicht zugunsten der Automobilindustrie geopfert werden", warnte Verbandspräsident Joachim Rukwied.

Die Handelsexperten sehen das Freihandelsabkommen allerdings auch als Zeichen gegen die aktuellen Handelskonflikte. "Die entstehende größte Freihandelszone der Welt ist mehr als nur ein Ausrufezeichen gegen den weltweit grassierenden Protektionismus", erklärte BGA-Präsident Bingmann. Fratzscher betonte, es sei "ein moralischer Erfolg für die EU, die der Welt zeigen kann, dass sie für offene Märkte und gegen Protektionismus steht."

Im wohl größten Handelskonflikt, dem zwischen den USA und China, gibt es seit Samstag Bewegung. Beide Länder einigten sich beim G20-Gipfel der großen Wirtschaftsnationen auf einen "Waffenstillstand" und die Wiederaufnahme von Verhandlungen. Die Auseinandersetzung der beiden größten Volkswirtschaften bremst seit einem Jahr das Wachstum in beiden Staaten und schadet auch der globalen Konjunktur.

Die Annäherung birgt laut Fratzscher aber auch Risiken: Wenn sich die beiden Großmächte einigten, könnte US-Präsident Donald Trump stattdessen Deutschland in den Fokus nehmen, befürchtet er. "Der US Wahlkampf hat nun begonnen und US Präsident Trump wird über die nächsten 18 Monate versuchen sich mit globalen Konflikten innenpolitisch Stimmen zu erkaufen", sagte Fratzscher der Deutschen Presse-Agentur. Deutschland sei mit seinen riesigen Handelsüberschüssen verletzlich und ein leichtes Ziel für Trump.

Auch Fuest warnte, für Entwarnung im Handelskonflikt sei es noch zu früh. "Wenn es richtig ist, dass es bei diesem Handelskonflikt nicht nur um Wirtschaft, sondern um geopolitische Rivalität geht, wird der Konflikt weitergehen", erklärte er. Kurzfristige positive Konjunktureffekte seien nicht zu erwarten.

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