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9-Euro-Ticket: Gewerkschaften sind erschüttert über Zustand der Deutschen Bahn

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Von: Tanja Koch

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9-Euro-Ticket
Im ersten Gültigkeitsmonat des sogenannten 9-Euro-Tickets sind dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) zufolge bundesweit rund 21 Millionen der Sonderfahrkarten verkauft worden. © Christian Charisius/dpa

Das 9-Euro-Ticket mache krank und führe zu starker Abnutzung, erklärt ein Gewerkschaftler. Der Verkehrsminister will das Bahn-Netz sanieren.

Berlin – Die beiden Gewerkschaften EVG und GDL haben sich besorgt über die Situation der Deutschen Bahn geäußert. „Ich habe solche Zustände wie in diesem Sommer noch nie erlebt“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, der „Welt am Sonntag“. „Ich habe bei einem Zug von Rostock nach Hamburg gesehen, wie Menschen buchstäblich aus dem Zug gefallen sind, als die Türen geöffnet wurden“, berichtete er.

Der Fahrgast-Ansturm auf den Nahverkehr seit Anfang Juni führe zu starken Abnutzungserscheinungen. Einer internen Analyse der Deutschen Bahn, über die der Spiegel berichtete, fiel das Fahrgastaufkommen in Regional- und S-Bahnen insgesamt im Vergleich zum Vormonat um rund 25 Prozent höher aus. Die Bahn hatte sich darüber zufrieden geäußert. „Das 9-Euro-Ticket führt wie vom Bund gewünscht zu mehr Verkehr“, zitiert der Spiegel einen Bahn-Sprecher.

Über das lange Pfingstwochenende erhöhte sich die Anzahl der Fahrgäste sogar um rund 30 Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Niveau. Das bezeichnete die Bahn laut Spiegel aber als „üblich und erwartet“. „In den Auslastungsspitzen ist es nur vereinzelt zu Teilräumungen und Räumungen gekommen“, wird ein Bahn-Sprecher zitiert. Der internen Auswertung zufolge sei nur 0,1 Prozent aller Fahrten so überfüllt gewesen, dass Personen aussteigen mussten.

Fahrgastbetreuer über 9-Euro-Ticket-Schicht: Musste „teilweise Leute bitten, wieder auszusteigen“

Dies erlebte auch ein Fahrgastbetreuer aus Mainz, der seit 2019 bei der vlexx GmbH angestellt ist: „Am Samstagmittag war ich in einem Zug von Frankfurt nach Saarbrücken eingesetzt. Da gab es die Situation, dass nach dem Flughafen alle Züge komplett voll waren. Und das, obwohl wir schon mit mehr Waggons gefahren sind. Trotzdem war der Zug überfüllt. Ich musste dann in Rüsselsheim teilweise Leute bitten wieder auszusteigen. Dort wartete am Bahnsteig nämlich ein Rollstuhlfahrer, der seit drei Zügen nicht mitgenommen werden konnte, beziehungsweise an dem dann einfach vorbeigefahren wurde“, erinnert er sich im Interview mit dem SWR.

„Wir stellen schon sehr frühzeitig Schäden durch die starke Nutzung des 9-Euro-Tickets fest: Aufzüge sind defekt, Toiletten in Zügen funktionieren nicht mehr, es wird einfach alles sehr stark belastet“, sagte Burkert. „Viele Kolleginnen und Kollegen sind bereits an der Belastungsgrenze.“ Die Krankenstände stiegen. „Wir merken: Das Neun-Euro-Ticket macht krank.“

Der Fahrtgastbetreuer aus Mainz berichtete dem SWR, wie er seinen Dienst am Pfingstwochenende erlebte: „Mit einem Wort: anstrengend. Ich hatte Frühschicht, die ging von 5:30 Uhr bis 14:30 Uhr. Und ich hatte in dieser frühen Zeit doch etwas weniger Gäste erwartet. Natürlich war ich innerlich schon seit dem 1. Juni drauf eingerichtet, dass es jetzt täglich volle Züge geben wird, aber es war wirklich mehr, als ich gedacht hatte.“

Deutsche Bahn und 9-Euro-Ticket: „Das ist der absolute Super-Gau“

Der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, sprach gar von einem Chaos in diesem Sommer, wie er es noch nie erlebt habe bei der Bahn. „Das ist der absolute Super-Gau“, sagte er der Zeitung. Der Zustand des Staatskonzerns sei „durch jahrelanges Kaputtsparen katastrophal“. Er plädierte erneut dafür, zumindest innerhalb des Konzerns Netz und Betrieb klar zu trennen.

Dem bundeseigenen Konzern machen erhebliche Probleme im Betrieb zu schaffen - für Fahrgäste führt das zu vielen Verspätungen. Im Juni kamen nach Unternehmensangaben nur noch 58 Prozent der Fernzüge pünktlich ans Ziel, im Regionalverkehr 88,5 Prozent der Züge. Die Bahn versuche auf einem überlasteten Schienennetz so viele Menschen wie möglich mit zusätzlichen Zügen zu transportieren, hatte Bahnchef Richard Lutz Ende Juni erläutert und mit Blick auf Verspätungen gesagt: „Glauben Sie mir: Ich leide wie ein Hund.“

Um einen verlässlicheren Betrieb und weniger Baustellen-Störungen zu erreichen, haben die Bahn und Bundesverkehrsminister Volker Wissing eine „Generalsanierung“ der wichtigsten Strecken ab 2024 angekündigt. „Ich erwarte, dass wir in Zukunft wieder die Uhr nach der Bahn stellen können“, sagte der FDP-Politiker, der die Netzsanierung zur „Chefsache“ erklärte. (tk mit dpa)

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